Opfer des Nationalsozialismus im Landkreis Stade

Am 1. September 1939 begann mit dem deutschen Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg. Innerhalb kürzester Zeit entstand ein riesiger Arbeitskräftemangel, da die Männer zur Wehrmacht eingezogen und in die Kriegswirtschaft verpflichtet wurden. Die Landwirtschaft und die Industrie konnten nur durch den massiven Einsatz von Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern aus Polen und der UdSSR aufrechterhalten werden. Im Landkreis Stade mit ca. 85.000 Einwohnern waren etwa 7.500 Zwangsarbeiterinnen und  Zwangsarbeiter und 1.500 Kriegsgefangene im Einsatz. Während Kriegsgefangene in Einsatzkommandos, vorwiegend in Scheunen und Sälen von Gastwirtschaften untergebracht waren, lebten Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter direkt auf den Bauernhöfen oder in Gemeinschaftsunterkünften. Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter unterlagen vielen Auflagen, sie mussten ein Abzeichen mit „P“ (Polen) oder „Ost“ (Ostarbeiter) tragen, durften nicht in öffentliche Einrichtungen, privater Kontakt mit Deutschen und Mahlzeiten an gemeinsamen Tisch waren verboten, Fahrzeuge (Fahrräder, Motorräder) durften nicht benutzt werden und es galt ein nächtliches Ausgangsverbot. Katholische Gottesdienste für Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter wurden polizeilich überwacht und durften nur nach besonderer Genehmigung durch die Gestapo (Geheime Staatspolizei) jeweils am ersten Sonntag im Monat und an hohen Festtagen abgehalten werden. Gräber von Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, hierzu gehören auch die Opfer von Zwangsarbeit, haben wie die Gräber von deutschen Kriegstoten ein bleibendes Ruherecht. Sie  finden sich auf vielen Friedhöfen im Landkreis Stade am Rande des früheren Friedhofsgeländes. Viele Gräber von Opfern der Zwangsarbeit wurden allerdings nicht, wie es hätte sein müssen, für die Kriegsgräberliste gemeldet und sind eingeebnet worden. Ein Sponsor, der anonym bleiben möchte, ermöglicht, dass durch Namenskissen und Stelen an die unbekannten Opfer der Zwangsarbeit erinnert wird. Kissensteine wurden bisher auf den Friedhöfen von Essel, Burweg-Horst, Beckdorf, Reith, Bargstedt und Mittelnkirchen verlegt. Erste Stelen wurden in Großenwörden, Estebrügge und Deinste aufgestellt. Am 8. Mai 2020, dem Jahrestag der Befreiung, wurden von der Heilig Geist Kirchengemeinde auf den Friedhof von Hamelwörden Blumen zur Erinnerung an Matrona Diaczak und Stanislaw  Pichalak, beide katholischen Glaubens, niedergelegt und selbstgefertigte Namenstafeln aufgestellt. Jetzt erinnern auch dort zwei Namenskissen an sie.
Foto und Text von Michael Quelle