Monatslied Februar 2017

Gotteslob Nr. 380 „Von guten Mächten“

Fast jeder hat schon einmal das Lied gehört „Von guten Mächten treu und still umgeben“. Es hat auch in unserem neuen Gotteslob Platz gefunden. Die Melodie aber, die unser Buch bietet, ist weniger bekannt. In diesem Monat wollen wir uns mit diesem Lied beschäftigen. Der Dichter ist Dietrich Bonhoeffer (1906 -1945), evangelischer Theologe und NS-Widerstandskämpfer.

Nach Studien der Theologie in Tübingen begab er sich ins Ausland, kehrte aber nach Deutschland zurück, als sich die Nationalsozialisten mehr und mehr ausbreiteten. Er wollte gegen diese gottlose Ideologie Widerstand leisten. Das führte zu mehrfachen Verhaftungen. Im Zusammenhang mit dem Attentat gegen Hitler am 20. Juli 1944 wurde Bonhoeffer in das Kellergefängnis des Reichssicherheitshauptamtes in Berlin verlegt.

Von dort aus schrieb er am 19. XII. 1944 an seine junge Verlobte und fügte dem Brief „ein paar Verse“ an, „die mir in den letzten Abenden einfielen“ als „Weihnachtsgruß für Dich und die Eltern und Geschwister“. Bonhoeffer, der zu dieser Zeit mit seiner Hinrichtung rechnen musste, schreibt am Anfang des Briefes: 

„Es ist, als ob die Seele in der Einsamkeit Organe ausbildet, die wir im Alltag kaum kennen. So habe ich mich noch keinen Augenblick allein und verlassen gefühlt. Du und die Eltern, Ihr alle, die Freunde und Schüler im Feld, Ihr seid mir immer ganz gegenwärtig. Eure Gebete und guten Gedanken, Bibelworte, längst vergangene Gespräche, Musikstücke, Bücher bekommen Leben und Wirklichkeit wie nie zuvor. Es ist ein großes unsichtbares Reich, in dem man lebt und an dessen Realität man keinen Zweifel hat. Wenn es im alten Kinderlied von den Engeln heißt: ‚zweie, die mich decken, zweie, die mich wecken‘, so ist diese Bewahrung am Abend und am Morgen durch gute unsichtbare Mächte etwas, was wir Erwachsenen heute nicht weniger brauchen als die Kinder.“

Im Zusammenhang des Briefes wird deutlich, warum das Gedicht mit der Anredeform („ich…mit euch“) beginnt. Erst in der zweiten Strophe wandelt sich das Gedicht zum Gebet, in dem auch wir Platz finden können. Es blickt auf die Jahreswende und die ungewisse Zukunft und vertraut sich trotz aller Ungewissheit der Vorsehung Gottes an. Der Dichter weiß, dass Gott uns mit Seiner Liebe umgibt. Und so gipfelt das Lied in der letzten Strophe: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag.“

Die Briefe Bonhoeffers waren nicht zur Veröffentlichung bestimmt, aber wohl schon zu Weihnachten schrieb die Verlobte Maria von Wedemeyer das Gedicht für die Eltern Bonhoeffer und den weiteren Familienkreis ab. Anders als bei anderen Texten hat Bonhoeffer dem Gedicht Strophenform gegeben. Das Versmaß passte zu keiner damals gebräuchlichen Kirchenliedmelodie. Der persönliche Anfang mag zunächst befremdlich wirken, und die früheste Vertonung von Otto Abel 1959 bezog sich nur auf die letzte Strophe. 

Das Lied hat sich dennoch durchgesetzt, weil die individuelle, unwiederholbare Erfahrung von Qual und Trost, die Bonhoeffer macht, ins Bekenntnis mündet, das allen in der Gemeinde guttut. Der Text wurde inzwischen mehr als siebzigmal vertont. Das Evangelische Gesangbuch bietet die Komposition von Otto Abel. Die Landeskirchen von Baden und Württemberg zählen das Lied zu den 33 „Kernliedern“ im Evangelischen Gesangbuch.  

Unser Gotteslob bietet die Melodie von Kurt Grahl (1976). In unserem Diözesananhang ist die populäre Melodie von Siegfried Fietz zu finden, die von vielen mit Begeisterung gesungen wird. Man darf fragen, ob diese tänzerische Vertonung dem Text gerecht wird. Ein Einwand gegen diese Vertonung ist auch, dass sie die „Bonhoeffersche Zielaussage als Kehrvers verwendet und damit die theologisch-poetische Dynamik störe“. (Jürgen Henkys)