Gotteslob Nr. 254: Du Kind, zu dieser heilgen Zeit…

Zu keiner Zeit des Jahres sind die Menschen zum Singen so aufgelegt wie zur Advents- und Weihnachtszeit. Und da müssen im Gottesdienst bestimmte Lieder unbedingt vorkommen. Haben neue Lieder hier überhaupt eine Chance?

Das Monatslied für Dezember ist ein Lied, zu dem wir nicht sofort einen Zugang finden. Textlich und melodisch entspricht es nicht den landläufigen Vorstellungen eines Weihnachtsliedes. Der Dichter Jochen Klepper, der zur Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland lebte, hatte es schwer, weil er mit einer Jüdin verheiratet war. Diese seine Lebenssituation merkt man dem Lied an. Aber gerade dadurch macht es deutlich, dass man Weihnachten auch feiern kann in einer Welt, in der vieles nicht so ist, wie man es sich wünscht. In der letzten Strophe des Liedes heißt es, dass erst in der jenseitigen Welt uns das Herz ohne Bitterkeit zum Gesang weit wird. Die ersten drei Strophen zeigen, dass trotz des Kommens Gottes diese Welt immer noch im Argen liegt.

Die erste Strophe blickt auf den Menschen, der diese heilige Weihnachtszeit begeht. Gott kommt zu uns, die wir unsere Schuld auf dieses Kind geladen haben. In den Darstellungen der Geburt des Erlösers sehen wir oft einen verfallenen Stall (ein Bild für die verfallene Königsherrschaft Davids), und manchmal hat der Künstler ein kleines Kreuz in das Bild hineingemalt, das man erst bei genauerer Betrachtung sieht.

Die zweite Strophe lenkt den Blick auf Jesus. Wir feiern in Freude das Fest Seiner Geburt im armen Stall von Bethlehem. Die Armseligkeit des Anfangs wird sich vollenden bei Seinem Tod am Kreuz.

Noch deutlicher wird das Dunkle des Todesschicksals Jesu in der dritten Strophe bedacht: „vor Deiner Krippe gähnt das Grab“.
4. Strophe: All das Finstere der Welt, das uns manchmal vor Fragen stellt, die wir nicht beantworten können, wird erst überwunden sein, wenn wir mit Jesus zum ewigen Leben auferstehen dürfen. Dann erst werden wir ohne alle Bedrückung singen können. Die ersten drei Strophen schließen jeweils mit dem Ruf „Kyrieeleison“ und erbitten damit Gottes erbarmende Zuwendung. Die letzte Strophe endet mit „Hosanna“ und möchte damit unseren jubelnden Dank ausdrücken.

Der Stimmung des Liedes entspricht auch die Melodie. Von den fünfundzwanzig Weihnachtsliedern unseres Gesangbuches sind nur vier in Moll-Tonarten komponiert. Dieses Lied gehört dazu. Die anderen drei drücken eine besondere Innigkeit aus. In diesem vierten Lied zeigt sich eine bedrückte Stimmung. Damit wird deutlich, dass Weihnachtslieder nicht nur in froher Stimmung den Jubelgesang der Engel aufgreifen sollen; Weihnachten dürfen auch diejenigen feiern, denen augenblicklich nicht nach Jubel zumute ist. Jesus wird ja in eine unheilvolle Welt hineingeboren, die durch Ihn zum Heil geführt wird.

Schon am zweiten Weihnachtstag gedenken wir des Erzmartyrers Stephanus, der sein Blut als Zeuge des Glaubens für Jesus hingegeben hat. – Am 28. Dezember feiert die Kirche das Fest der unschuldigen Kinder, die in Bethlehem gestorben sind und dem Erlöser das Überleben ermöglicht haben, damit Seine Erlösungstat am Kreuz geschehen konnte. Mindestens an diesen Tagen eignet sich das Monatslied.

Damit das Geheimnis der Menschwerdung Jesu Christi nicht zu einer Idylle verkommt, ist es gut, dieses zunächst sperrige Lied auch zu anderen Gelegenheiten zu singen.

Eberhard Laufköter